10.080 Menschen starben im Jahr 2015 in Deutschland durch Suizid. In der Gesellschaft sind Selbsttötungen ein Tabu-Thema. Dabei sind Aufklärung und Entstigmatisierung grundlegende Lösungsansätze, um Menschen in Krisen und bei Suizidgefahr zu unterstützen. Gerade diese Menschen fühlen sich oft einsam und unverstanden. Das Caritas-Projekt „[U25] Deutschland – Online-Suizidprävention“ möchte diesen Menschen zeigen, dass sie bedeutend und nicht alleine sind. Um dieses Ziel zu erreichen, hat das Projekt eine Challenge zum Welttag der Suizidprävention (10. September 2017) ausgerufen und sammelt 10.080 Botschaften, Mutmachsprüche, Ideen, Ratschläge und Wünsche auf Twitter, Facebook und Instagram unter dem Hashtag #DUBISTMIRWICHTIG.

Unter Jugendlichen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache nach Verkehrsunfällen. Das „[U25]“-Projekt ist ein kostenloses und anonymes Mailberatungsangebot speziell für junge suizidgefährdete Menschen. Die ratsuchenden „Klienten“ werden dabei von etwa gleich alten Jugendlichen beraten. Anna Gleiniger (27), Leiterin des Berliner „[U25]“-Projekts, wurde für ihr Engagement vor einigen Wochen bei der „Queen’s Birthday Garden Party“ in der Residenz des Britischen Botschafters als „Mental Health Hero“ ausgezeichnet und konnte bei dieser Gelegenheit Prinz William und seine Frau Catherine kennenlernen. Mit der Robert-Enke-Stiftung hat Anna Gleiniger über das Zusammentreffen mit dem Herzogenpaar, ihren Arbeitsalltag und kraftspendende E-Mails gesprochen.

Robert-Enke-Stiftung: Frau Gleiniger, noch einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Auszeichnung durch die Britische Botschaft. Was war das für ein Gefühl sich mit Prinz William und Herzogin Catherine zu unterhalten?

Anna Gleiniger: Es war unglaublich schön, aber es war gleichzeitig auch wie ein ganz normales Gespräch unter Freunden. Die beiden waren sehr herzlich. Ich war überglücklich, weil sie sich vorbereitet haben. Da wurden keine oberflächlichen Fragen gestellt. Man hat wirklich gemerkt, dass sie in der Thematik drin und ganz interessiert waren. Sie haben auch kritische Fragen gestellt. Das war echt richtig gut, auch wenn ich durch die Aufregung sehr viel von dem vergessen habe, was gesprochen wurde.

RES: Was hat das Herzogenpaar gefragt?

Gleiniger: Es ging viel um die Tabuisierung psychischer Erkrankungen, ob das hier in Deutschland auch so ein Problem ist, und wie die Ehrenamtlichen bei uns geschult werden. Thema war auch Cybermobbing, weil das ein Thema ist, wofür sich Prinz William verstärkt einsetzt.

RES: Hatte die Auszeichnung direkte Auswirkungen auf das Projekt?

Gleiniger: Auf jeden Fall. Bei unserer Beratung haben wir so eine Art Ampelsystem. Wenn wir auf Rot stehen, dann haben wir keine freien Beratungsplätze; Wenn wir auf Grün stehen, haben wir freie Berater; Bei Gelb gibt es eine Warteliste. Wir stehen seit der Gartenparty eigentlich durchweg auf Rot. Vor kurzem standen wir für eine halbe Stunde auf Grün, da haben sich sofort elf Jugendliche angemeldet. Die Zahlen sind also doch ganz schön in die Höhe gegangen. Deswegen sind wir auch immer vorsichtig damit Werbung zu machen für das Projekt, weil wir gar nicht hinterherkommen mit den Jugendlichen, die wir ausbilden, um wieder freie Beratungsplätze anbieten zu können. Wir vermitteln dann natürlich weiter, aber es ist total blöd, jemanden abzuweisen, der sich endlich dazu aufgerafft hat Hilfe zu suchen. Das zeigt eben auch die Dringlichkeit, dass wir mehr Unterstützung finanzieller, aber auch personeller Art brauchen, um mehr Leute ausbilden und mehr Beratungen anbieten zu können.

RES: Beschreiben Sie uns Ihren typischen Arbeitsalltag.

Gleiniger: Der typische Arbeitsalltag besteht hauptsächlich aus Mails lesen. Ich lese jede E-Mail mit, die bei uns eingeht und ich lese auch jede E-Mail mit, die rausgeschickt wird. Ich gebe Feedback an unsere Ehrenamtlichen. Da geht es dann gar nicht so sehr um richtig oder falsch, sondern eher um kleine Formulierungssachen. Ich suche Beratungsstellen raus, an die wir weitervermitteln können. Ich bereite die Teamsitzungen vor. Unsere Ehrenamtlichen haben alle zwei Wochen Supervisions- und Teamsitzungen bei uns, da muss ich immer auf dem aktuellsten Stand sein, was gerade bei den Klienten los ist und natürlich auch, was bei den Ehrenamtlichen los ist. Wir wollen natürlich, dass es ihnen auch gut geht, dass sie nicht belastet sind. Dann bereite ich Veranstaltungen und Projektvorstellungen vor. Wir bauen gerade die Schulprävention auf, dass wir auch mit Ehrenamtlichen an die Schulen gehen.

RES: Kann man bei dieser emotionalen Arbeit einfach nachmittags nach Hause fahren und abschalten?

Gleiniger: Es geht. Das habe ich unter Anderem bei der Telefonseelsorge gelernt, die Gespräche auf der Arbeit zu lassen und sich auch abzugrenzen. Die Probleme, die der Klient hat, sind nicht meine Probleme. Ich habe meine eigenen Probleme. Mich erdet das immer unglaublich, wenn ich vielleicht gerade wieder ein wenig überreagiere mit meinen eigenen Problemen. Wenn ich dann sehe, dass da Menschen sind, die wirkliche Probleme haben, dann bin ich wieder ganz geerdet und denke mir: Eigentlich geht es mir doch ganz gut. Dann gehe ich eher mit einer großen Dankbarkeit nach Hause.

RES: Wie wird die Online-Beratung generell angenommen?

Gleiniger: Vor der Auszeichnung gab es schon immer sehr viele Anfragen und auch großes Interesse von Jugendlichen, die sich zu Peer-Beratern ausbilden lassen wollten. Bei Jugendlichen kommt das Projekt einfach unglaublich gut an, weil es online und anonym ist. Jeder hat heutzutage ein Smartphone oder zumindest einen Computer, die Eltern bekommen davon nichts mit und bei uns kann wirklich über alles gesprochen werden. Wir versuchen einen sicheren Raum zu schaffen, wo man eben auch mal sagen kann, dass man Suizidgedanken hat oder dass vielleicht irgendetwas passiert ist. In Zeiten von WhatsApp denkt man, dass alles in Richtung Chat und immer-schnell-antworten geht, aber unsere Zahlen zeigen eigentlich, dass immer noch ein ganz großes Interesse daran besteht, sich Zeit zu nehmen und längere Gespräche zu führen. Wie so eine Art Tagebuch, das eben auch antwortet.

RES: Wie muss man sich den Umgang der Ehrenamtlichen mit den Klienten vorstellen?

Gleiniger: Die Art und Weise, wie geschrieben wird, ist erstmal sehr wertschätzend und sehr liebevoll würde ich fast sagen. Es geht zu Beginn erstmal ums Kennenlernen, also wie bei einer Brieffreundschaft auch, und dann gucken wir ganz stark nach Ressourcen. Jeder hat noch irgendwelche Ressourcen und wir schauen: Was gibt es da für Freunde, Familie, Schulsozialarbeiter? Wen hast du vor Ort eigentlich noch? Dabei versuchen wir immer wieder den Blick auch auf das Positive zu lenken und ganz viel Mut zu machen, Kraft zuzusprechen und zu sagen: Du bist nicht alleine und es ist total ok, dass du gerade dein Leben auch mal in Frage stellst, aber lass uns eben gucken, was es noch für Alternativen gibt.

RES: Kann das nicht auch dünnes Eis sein, auf dem sich die Ehrenamtlichen mit ihren Nachfragen bewegen?

Gleiniger: Die Ehrenamtlichen machen eine viermonatige Ausbildung bei uns und lernen, wie man vorsichtig nachfragt. Es geht gar nicht so sehr um eine Beratung, sondern eher um das Begleiten und Dasein. Durch die Krise hindurch zu begleiten, bis man dann wieder stabil genug ist, um selber weiterzugehen.

RES: Wie muss man sich die Ausbildung der Ehrenamtlichen genau vorstellen?

Gleiniger: Sie lernen tatsächlich, wie man E-Mail schreibt. Da geht es wirklich darum, wie schreibe ich so eine Erst-Mail, wie begrüße ich jemanden adäquat, wie kann ich vielleicht einen Kontakt auch beenden nach einer Weile, was mache ich, wenn es Durststrecken gibt und die E-Mails immer kürzer werden. Und dann geht es natürlich auch um theoretische Inputs zu selbstverletzendem Verhalten, Mobbing und Essstörungen, also all die großen Themen, die auftauchen können in den Gesprächen. Was mache ich, wenn wirklich eine Suizidankündigung reinkommt? Wie kann ich da reagieren? Was mache ich nach einem Suizidversuch, wie gehe ich dann mit der Person um? Wir schreiben ganz viele Probe-E-Mails. Da wird wirklich ganz viel probiert, ausgetestet, mit Buntstiften angekreidet und umformuliert. Dann geht es auch um eigene Erfahrungen, was hatte ich vielleicht schon selber für Krisen, was hat mir da gar nicht geholfen? Dass mir die Eltern immer Ratschläge geben wollten, hat mir nicht geholfen, also gebe ich das dann auch nicht an meine Klienten weiter.

RES: Baut sich da keine emotionale Bindung zu den Klienten auf?

Gleiniger: Natürlich entstehen da enge Kontakte, aber wir passen schon sehr auf, dass keine Freundschaften entstehen oder dass das kein zu enger Kontakt wird. Das lernen die Jugendlichen auch während der Ausbildung, dass sie da auch auf sich selber achten und sich abgrenzen. Das Mitfiebern beim anderen ist natürlich total normal und auch wichtig. Was eher schwierig ist, ist das Aushalten, wenn vielleicht mal keine Antwort vom Klienten kommt oder wenn es gar nicht vorwärts geht. Dass man sich dann selber etwas zurücknehmen muss und sich an das Tempo von dem Klienten anpasst und nicht mit tausend Ideen kommt und sagt: Du könntest doch und mach doch mal hier und probiere doch mal da. Das fällt manchmal noch etwas schwer.

RES: Depressionen gelten als Hauptursache für Selbsttötungen. Haben Sie einen allgemeinen Rat für Angehörige oder Mitmenschen im Umgang mit Erkrankten?

Gleiniger: Ernst nehmen. Ernst nehmen, dass Depressionen wirklich eine Erkrankung sind. Eine Erkrankung, wie ein gebrochenes Bein. Niemand läuft jahrelang mit einem gebrochenen Bein durch die Gegend, das ist Quatsch. Man geht zum Arzt und man lässt sich behandeln. Das ist ganz wichtig, dass man da nicht aufgibt, es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten. Dass man die Erkrankung einfach ernst nimmt und da ist, das ist das Wichtigste, was man machen kann.

RES: Gibt es vielleicht auch eine Erfolgsstory zu erzählen, bei der Betroffene bewusst aus der Anonymität herausgetreten sind, um sich bei Ihnen und dem Projekt zu bedanken?

Gleiniger: Das gibt es häufiger, dass viele sich auch im Nachhinein noch mal melden und ganz lange Dankesmails schreiben oder sich auch schon während des Kontaktes häufiger bedanken und sagen: Wenn du nicht da wärst, dann würde es mich jetzt nicht mehr geben. Wir hatten einen ganz bekannten Fall bei uns, eine Jugendliche, die eine Suizidankündigung und ihre Daten geschickt hatte, also wann sie das machen möchte und wo und wie sie heißt. Wir sind dann natürlich auch verpflichtet einzugreifen und haben das auch als Aufforderung verstanden die Polizei zu informieren. Das Mädchen hat sich danach bei uns gemeldet. Sie war unglaublich froh. Sie hat gesagt, dass ihre Eltern jetzt endlich mitbekommen haben, dass es ihr wirklich nicht gut geht. Sie hatte es bisher nie geschafft, das so zu formulieren, aber als dann die Polizei in der Tür stand, da haben ihre Eltern gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie ist in eine Klinik gekommen und jetzt geht es ihr auch wieder richtig gut.

RES: Das sind die Geschichten, die einen richtig an das Projekt binden.

Gleiniger: Genau. Das sind echt tolle Rückmeldungen und wenn wir ganz besonders schöne Mails haben, dann lesen wir die auch im Team zusammen vor. Da gab es neulich auch eine schöne, lange Mail, in der die Klientin auch gesagt hat: Du lässt mich einfach nicht los, du lässt mich nicht fallen und du hälst mich – auch wenn ich mich mit allen Vieren dagegen wehre, du lässt mich einfach nicht gehen. Das war total schön. Da standen den Ehrenamtlichen die Tränen in den Augen und das ist dann auch eine tolle Bestätigung für ihre Arbeit.

Weitere Informationen zum Projekt:

[U25] Deutschland – Online-Suizidprävention ist ein kostenloses und anonymes Mailberatungsangebot für suizidgefährdete Jugendliche. Die Vorteile dieses Ansatzes liegen in der Anonymität, der Niedrigschwelligkeit und in der Tatsache, dass das Internet das von Jugendlichen vorwiegend genutzte Medium ist. Die [U25] – Online-Suizidprävention bedeutet Peer-Beratung: Die Ratsuchenden werden bei [U25] von etwa gleich alten Jugendlichen beraten. In einer viermonatigen Ausbildung werden die ehrenamtlich (ohne Vergütung) tätigen Jugendlichen umfassend auf die Beratungstätigkeit vorbereitet. Pro [U25]-Standort gibt es eine hauptamtlich tätige Teamleiterin, welche die jungen Berater(innen) ausbildet und begleitet. [Quelle: http://www.u25-deutschland.de/]

 „Anmerkung: Wir haben uns in diesem Fall entschieden, über das Thema Suizid zu berichten. Leider kann es passieren, dass depressiv erkrankte Menschen sich nach Berichten dieser Art in der Ansicht bestärkt sehen, dass das Leben wenig Sinn habe. Sollte es Ihnen so ergehen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Hilfe finden Sie bei kostenlosen Hotlines wie 0800-1110111 oder 0800 3344533.“