Für das Forschungsprojekt „Zusammenhang zwischen Relativem Energiedefizit und Depressionen im Sport – Pilotstudie zur Prävalenz und Entwicklung eines Screening-Tools“ fördert die Robert-Enke-Stiftung die Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften Technische Universität München (TUM) und die Klinik für Psychiatrie Psychotherapie und Psychosomatik Psychiatrische Universitätsklinik Zürich mit insgesamt 30.100 EUR.

 

Das Relative Energiedefizit im Sport (RED-S) umschreibt eine Reihe von charakteristischen physiologischen Veränderungen infolge eines chronischen Energiemangels. Ursächlich für eine zu geringe Energieverfügbarkeit (low enery availability, LEA) ist eine dem Energieumsatz in Training und Wettkampf nicht angemessene Energiezufuhr, z.B. infolge einer beabsichtigen Nahrungsrestriktion, eines hohen Trainingsumfangs oder einer Kombination beider Faktoren. Folgerichtig tritt RED-S besonders häufig in Sportarten mit einer ästhetischen Komponente (z.B. Kunstturnen, Ballett), in Sportarten mit Gewichtsklassen (z.B. Ringen, Leichtgewichtsrudern) oder Sportarten einem hohen Energieumsatz (z.B. Ausdauersport) auf. Die physiologischen Auswirkungen von RED-S sind inzwischen relativ gut charakterisiert und beinhalten vor Allem hormonelle Veränderungen, die zu Menstruationsstörungen und Schädigung der Knochengesundheit führen können. In den vergangenen Jahren wurden zudem die Auswirkungen von RED-S auf zahlreiche weitere Aspekte der körperlichen Gesundheit und Leistungsfähigkeit von Sportlerinnen und Sportlern untersucht. Die Prävalenz von 20-47% zeigt, dass RED-S im Leistungssport weit verbreitet ist.

Während die physiologischen Folgen von RED-S bekannt sind, ist über die psychischen Auswirkungen nur wenig bekannt. Historisch bedingt wurde der Zusammenhang zwischen RED-S und psychischer Gesundheit zuerst im Kontext von Essstörungen hergestellt, da klassische Symptome wie Menstruationsstörungen und reduzierte Knochendichte vor Allem im Zusammenhang mit Essstörungen beschrieben wurden. Inzwischen wird allerdings eine bidirektionale Beziehung zwischen RED-S und psychischer Gesundheit angenommen. Hierzu liegen Daten vor, die zeigen, dass psychische Störungen bei Sportlerinnen mit einer erniedrigten Energieverfügbarkeit mehr als doppelt so häufig auftreten als bei Sportlerinnen mit einer adäquaten Energieverfügbarkeit. Insgesamt gehören psychische Symptome zu den an den häufigsten genannten Symptomen innerhalb des RED-S. Hierbei spielen vor allem depressive Symptome eine große Rolle, die von Sportlerinnen mit LEA signifikant häufiger genannt werden.

Die Zusammenhänge zwischen RED-S und depressiven Störungen sind zum aktuellen Zeitpunkt noch korrelativer Natur, es ist jedoch aufgrund der engen Verknüpfung zwischen RED-S, Essstörungen und depressiven Störungen davon auszugehen, dass diese sich gegenseitig verstärken. In der Normalbevölkerung ist der Zusammenhang zwischen Essstörungen und Depressionen gut untersucht, hierbei zeigt sich, dass die Komorbiditätsrate von Depressionen bei Patienten mit Essstörungen bis zu 50% beträgt. Erste Untersuchungen im Hochleistungssport lassen Komorbiditätsraten mit einer ähnlichen Größenordnung vermuten. Hierbei konnte ein gestörtes Essverhalten sogar als Risikofaktor für die Entwicklung einer Depression identifiziert werden.

Das primäre Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, den Zusammenhang zwischen RED-S und Depressionen systematisch zu erfassen. Hierzu ist geplant, die Prävalenz von RED-S, Essstörungen und Depression in einer Risikogruppe mit Hilfe anerkannter wissenschaftlicher Goldstandards exakt zu quantifizieren. Ein weiteres Ziel ist es, ein Instrument zum kombinierten Screening auf RED-S, Essstörungen und Depressionen für den deutschen Sprachraum zu entwickeln. Hierzu werden vorhandene Screening-Tools aus den diversen Bereichen, wenn nötig übersetzt, miteinander verknüpft und gegen Goldstandard-Methoden validiert.

Die Robert-Enke-Stiftung sieht in der Studie eine wichtige Fragestellung zur Depressionsentwicklung im Sport, der nachgegangen werden sollte. Zudem stimmen die Inhalte des Forschungsprojektes gut mit dem Stiftungszweck und -zielen in der Säule „Depression im Leistungssport“ überein. Insofern werde die Förderhöhe von 30.100 Euro gerne erfüllt.