„Unser gesamtes Mitgefühl gilt den Angehörigen. Ruhe in Frieden, Andreas“, stand auf der Homepage der Robert-Enke-Stiftung. „Geschockt, entsetzt und traurig! Ruhe in Frieden, mein ‚Biere'“ schrieb sein ehemaliger Mitspieler Fabian Boll. Der 33-jährige ehemalige Fußballprofi Andreas Biermann hatte mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Vor einer Woche starb er nun in seiner Spandauer Wohnung.

Ein weiterer Profifußballer hat keinen Ausweg mehr gesehen. Die Frage türmt sich auf: Was hat sich seit Robert Enkes Tod im November 2009 verändert? Eine Stiftung ist im Namen der ehemaligen deutschen Nummer 1 gegründet worden und wird seither von Teresa Enke mit Engagement und großer Ausstrahlung geführt. Aber hatte der Fußball wirklich alles Mögliche und Machbare getan – für die konkrete Hilfe erkrankter Fußballer, für das Aufbrechen des Tabus, für eine wirksame Prävention? In die Trauer um Andreas Biermann mischen sich Unsicherheit und Zweifel.

Biermann: „Die Krankheit wird immer noch als Schwäche ausgelegt“

Biermann, der von 2007 bis 2010 beim FC St. Pauli unter Vertrag stand, war überzeugt, sein Outing haben zwar vielen geholfen, aber eben auch zum eigenen vorzeitigen Karriereende geführt. Zu Gast in einer Talkshow sagte er: „Leider wird die Krankheit immer noch als Schwäche ausgelegt.“ Der Fußballprofi, der nur zehn Spiele in der 2. Bundesliga bestritten hatte, klagte an: „Beruflich bereue ich mein Bekenntnis. Ich habe dadurch meinen Job verloren. Für meine Familie war das dramatisch. Die Verantwortlichen in den Vereinen haben mir zunächst viele Versprechungen gemacht, die sie später dann nicht eingehalten haben.“

Den Berliner hatte früh in seiner Karriere eine Verletzung zurückgeworfen. Bei einer Operation gelangten Bakterien in sein Knie, 24 Jahre war er damals und der ärztliche Befund war niederschmetternd: Sportinvalide. Biermann kämpfte sich zurück auf den Platz, er unterschrieb am Millerntor. Robert Enkes Selbstmord und die live übertragene Pressekonferenz mit der Witwe ließen ihn dann die eigenen inneren Dämonen klarer erkennen. Schon vor Jahren hatte er erstmals versucht, sich das Leben zu nehmen. Am Tag nach Teresa Enkes bewegender Rede begab sich Andreas Biermann in psychiatrische Obhut. 58 Tage wurde er stationär behandelt.

Jan Baßler: „Die Krankheit ist fies und gemein“

Jan Baßler lernte Biermann kennen, als sich Robert Enkes Todestag das erste Mal jährte. In Enkes Heimatort Empede bei Hannover trafen sich Familie und Freunde. „Und plötzlich stand Andreas Biermann da, Teresa kannte ihn damals noch gar nicht. Seitens der Stiftung haben wir ihn dann unterstützt, wo es ging.“ Der ehemalige Lizenzspieler Baßler ist seit 2010 Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung und davon überzeugt, das sich die Dinge zum Besseren wenden lassen. Aber Baßler sagt auch: „Diese Krankheit ist fies und gemein, und manchmal endet es so wie bei Andreas, trotz Behandlung und trotz aller Hilfe aus dem Umfeld.“

Gemeinsam mit dem Journalisten Rainer Schäfer hatte Biermann seine Geschichte aufgeschrieben, „Rote Karte Depression“ war im Frühjahr 2011 erschienen. Noch heute wird für Biermanns Buch so geworben: Dem enormen Druck im Profifußball seien manche nicht gewachsen, der großen Worten seien keine Taten gefolgt, das kalte Business erlaube nach wie vor keine Schwäche. Reißerisch – aber auch richtig? Biermann resümierte in einem Interview mit Zeit online im März 2011 unmissverständlich, dass der Fußball eben nichts mit seiner Krankheit zu tun habe: „Heute weiß ich, dass meine Depression ihre Ursachen nicht im Fußball hat. Ich wurde als Kind sehr oft wegen meiner roten Haare und meiner hellen Haut gehänselt“. Er sei schmächtig gewesen, schüchtern auch, „eine gute Angriffsfläche für andere“. „Aber im Fußball“, sagte Biermann, „war es anders.“

Bis zu vier Millionen Deutsche leiden an einer Depression

Die Enke-Stiftung, 2010 gemeinschaftlich von DFB, Ligaverband und Hannover 96 gegründet, hat in den vergangenen Jahren wichtige Entwicklungen angestoßen: für die Beratung von Leistungssportlern, um Bewusstsein zu schaffen, für die Erforschung präventiver Maßnahmen im Leistungssport. Es ist der Kampf gegen eine Volkskrankheit. Schätzungen sprechen von bis zu vier Millionen Deutschen, die an einer Depression leiden. Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2011 gehen 25 Prozent aller Fehltage in der Arbeitswelt auf das Konto von Depressionen. Erkrankte fühlen sich mutlos, spüren dauernde Traurigkeit und eine innere Leere, verlieren oft den Kontakt zum Freundeskreis und sogar zur Familie.

Damit Leistungssportler leichter, schneller und anonym Hilfe finden, bietet die Enke-Stiftung eine Hotline an. „Damit haben wir ein niedrigschwelliges Angebot geschaffen“, sagt Baßler. Beim Kassenpatienten dauere es oft Monate, bis er oder sie einen Termin beim Psychiater bekommt. „Für jemanden, der an einer psychischen Erkrankung leidet, ist das nicht ausreichend. Wir haben inzwischen ein gutes Netzwerk aufgebaut und sorgen binnen sieben Tagen für ein Erstgespräch.“

Markus Miller ist zweiter Torwart in Hannover. Mit Ron-Robert Zieler haben die „96er“ einen Weltmeister als Nr. 1 im Tor stehen. „Natürlich wäre es schön, regelmäßig zu spielen, aber Ron macht einen guten Job“, sagt der 32-jährige Miller.

Markus Miller: „Jeder Prozentpunkt ist ungeheuer wichtig“

Im September 2011 hatte er sich wegen akuter mentaler Erschöpfung in stationäre Behandlung begeben. Für elf Wochen pausierte er, dann kehrte er zurück in die Bundesliga. Vergangene Saison verlängerte Hannover den Vertrag des Torwarts bis in den Sommer 2015. Seine Antwort auf die Frage, was sich im Profifußball getan hat, stimmt optimistisch. Ein Umdenken habe tatsächlich im Fußball stattgefunden, meint Miller.

„Es hat sich in den vergangenen Jahren auf jeden Fall etwas im Fußball verändert. Das Thema ist in den Köpfen, man redet auch darüber. Der Umgang mit Depression als einer Erkrankung auch im Spitzenfußball hat sich verändert, auch wenn noch ein hartes Stück Arbeit vor uns liegt, damit man damit wirklich unverkrampft umgeht.“ Miller lobt: „Alles, was getan wird, sehe ich sehr positiv. Wir müssen nur bei unseren Erwartungen realistisch bleiben. Jeder Prozentpunkt Besserung ist bei diesem Thema ungeheuer wichtig.“ Wie viele seiner Berufskollegen an einer Verstimmung leiden, weiß Miller nicht, sagt aber schon: „Der Fußball ist auch so etwas wie eine Schauspielschule.“

Olympiasiegerin Lindsey Vonn berichtete dem amerikanischen Magazin „People“ im Dezember 2012, dass sie seit Jahren an Depressionen leide. Nach einer kurzen Auszeit kehrte sie erfolgreich zurück zum Skisport. Bereits Ende Januar 2013 stand sie beim Riesenslalom von Maribor ganz oben auf dem Treppchen. Kein Sponsor war während ihrer Pause abgesprungen. Constantin Braun von den Eisbären Berlin unterbrach im August 2013 seine aktive Karriere wegen einer akuten Depression, ist inzwischen aber wieder zum DEL-Rekordmeister zurückgekehrt. Die Beispiele mehren sich: Athleten können, nachdem sie ihre Depressionserkrankung öffentlich gemacht, sich Hilfe geholt und erholt haben, erfolgreich in ihre Sportart zurückkehren.

„Kein Stress mit dem Stress“: Tipps für Toptrainer

Beratung findet statt, das öffentliche Bewusstsein ist im Wandel. Fehlt noch die Prävention – und die beginnt beim Trainer. Unter dem Titel „Kein Stress mit dem Stress“ veröffentlichten der DFB, die Robert-Enke-Stiftung und weitere Partner im Sommer dieses Jahres eine Handlungshilfe für Übungsleiter im Spitzenfußball. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Teresa Enke stellten „Kein Stress“ in Frankfurt am Tag vor, als der Verband die Nationalmannschaft zur WM nach Brasilien verabschiedete. Die Broschüre liefert interessierten Trainern Basiswissen über psychische Erkrankungen und vermittelt Tipps, wie man mental gesünder trainiert. Eine Kernaussage: Der Trainer der Junioren einer Bundesligamannschaft wird den Druck kaum verringern können.

Stattdessen sollten Trainer im Hochleistungsbereich den Sportler beim Erlangen einer größeren Bewältigungskompetenz coachen. Der Sportpsychologe Lothar Linz, der neben anderen das Beachvolleyball-Team Brink und Reckermann betreute, sagt: „Mental stark bin ich dann, wenn ich zuversichtlich bleibe, dass ich erfolgreich agieren kann. Psychologen sprechen von der Selbstwirksamkeitsüberzeugung.“ Handlungsorientiertes statt lageorientiertes Denken kann helfen, ungesunde Spiralen zu beenden.

Die Verfasser der Broschüre sprechen die für den Leistungssport typischen Probleme offen an. Etwa Double-Bind-Situationen: Auf der einen Seite fordern Trainerinnen und Trainer mündige Spielerinnen und Spieler, auf der anderen Seite wollen sie unter keinen Umständen kritisiert werden. Ärger ist programmiert, der wird unterdrückt, das macht es nicht besser. Denn den Teams des Spitzenfußballs fehle oft eine „Ärgerkultur“. Emotionen zu zeigen, gelte hier als Schwäche. Ärger angemessen zu formulieren, überfordere oft die Spieler.

Nati-Psychologe Hermann warnt vor „Mono-Identitäten“

Hans-Dieter Hermann, der gerade aus Brasilien vom WM-Gewinn zurück gekehrt ist, betreut seit 2004 die deutsche Nationalmannschaft. Für den Sportpsychologen gehört zur Prävention im Spitzenfußball, dass „junge Sportler keine Mono-Identität als Sportler entwickeln. Es ist ein gutes Zeichen, wenn alte Freunde – auch außerhalb des Sports – erhalten bleiben und wenn möglich auch noch ein anderes Hobby betrieben werden kann.“ „HDH“, wie er beim Nationalteam genannt wird, sieht die Entwicklung insgesamt aber positiv: „Im Hochleistungsbereich ist das sportpsychologische Angebot beinahe eine Selbstverständlichkeit geworden.“

Ein Angebot, das der deutsche Fußball weiter ausbaut. Die Leistungszentren der Bundesliga-Klubs sind mit Anpfiff der Saison 2014/2015 verpflichtet, einen Pädagogen in Vollzeit und einen Psychologen in Teilzeit zu beschäftigen. Die Leistungszentren der 2. Bundesliga und 3. Liga müssen einen Pädagogen in Teilzeit beschäftigen und die Kooperation mit einer psychologischen Betreuung vorweisen.

Seit 2009 hat sich tatsächlich viel verändert im Fußball, in den Köpfen, in den Strukturen. Auch dank des Outings von Andreas Biermann. „Wenn man etwas verändern will, muss man offen darüber reden“, sagte der mutige, und am Ende auch rettungslos verzweifelte Mann.

Wir trauern um Andreas Biermann.

Text: Thomas Hackbarth
Quelle: http://www.dfb.de/news/de/d-nachhaltigkeit/nach-dem-tod-von-andreas-biermann-wer-veraendern-will-muss-reden/61065.html