Sieben Jahre nach dem Tod von Robert Enke ist jedem bewusst, dass Depressionen im Profifußball genauso auftreten wie in allen anderen Berufen oder Lebensbereichen. Aber was Depressionen eigentlich genau sind – dieses Verständnis ist weiterhin sehr vage geblieben. Was sind die Symptome, wie behandle ich sie, wo kann ich Hilfe finden?

Um angehenden Profifußballern, ihren Trainern und Betreuern ein Basiswissen über psychische Krankheiten zu verschaffen und die Berührungsängste mit dem Thema abzubauen, konnte die Robert-Enke-Stiftung einen besonderen Referenten gewinnen: Martin Amedick, der selbst ein erfolgreicher Profifußballer war, Kapitän des 1. FC Kaiserslautern, DFB-Pokalfinalist mit Borussia Dortmund, und der mitten in seiner Karriere eine bipolare Depression überwinden musste.

Niemandem hören junge Profifußballer so aufmerksam zu wie einem gestandenen Profispieler. Dies bewahrheitete sich bei den ersten zwei Veranstaltungen mit Martin Amedick, in den Nachwuchsleistungszentren von Hannover 96 und dem FC St. Pauli. Eindrücklich erzählte Amedick von seinen Erfahrungen, als er, der lautstarke, körperlich so robuste und starke Innenverteidiger, plötzlich nicht mehr in der Lage war, seine Sporttasche zu packen. Nach dem Training saß er mit den Mitspielern beim Mittagsessen, er liebte die Gespräche über Fußball nach einem guten Training, aber auf einmal saß er nur noch stumm, regungslos am Tisch. Amedick wusste selbst nicht genau, was Depressionen waren, als ihn die Krankheit mit ihren Symptomen wie Antriebslosigkeit und Empathie-Verlust 2011 unerwartet traf. In der angespannten Stille in den Sitzungssälen konnte man die absolute Konzentration der U23-Mannschaft von St. Pauli und der U19 von Hannover 96 sowie der Nachwuchstrainer förmlich hören, als Amedick erzählte, wie er die Depression schließlich überwand und fitter denn je, mit dem besten Laktatwert seiner Karriere, in den Profifußball zurückkehrte. Eine Depression kann wie bei Robert Enke tödliche Konsequenzen haben, aber öfters gelingt den Betroffenen wie Martin Amedick eine Rückkehr in ein erfülltes Leben.

„Wir wollen euch nicht nur erklären, was psychische Krankheiten sind, sondern euch auch die Angst vor den Krankheiten nehmen“, sagte Robert Enkes Biograph Ronald Reng, der den Vortrag mit Martin Amedick moderierte: „Die Verzweiflung über ein schlechtes Spiel, die Enttäuschung, wenn ihr auf der Ersatzbank sitzt, all dieser alltägliche Druck ist zunächst einmal nur menschlich – und im gesunden Zustand auch erträglich.“

Als sich am Ende des Vortrags die konzentrierte Stille langsam löste, stellten die Mitarbeiter der Nachwuchsleistungszentren Amedick und Reng noch lange Frage. Wie Kreuzbandrisse werden auch Depressionen weiterhin im Profifußball auftreten, sagte Reng irgendwann. Die Neugierde und Offenheit, mit der die NLZ-Mitarbeiter in Hannover und St. Pauli am Ende von Martin Amedicks Vortrag über seelische Krankheiten sprachen, lässt hoffen, dass sie in Zukunft mit Depressionen auch genauso sorgsam und natürlich umgehen wie mit Kreuzbandrissen.

 

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